Resilienz
im Alltag

Resilienz zeigt sich nicht in großen Helden­taten, sondern in den kleinen Schritten des Alltags. Anhand von vier Beispielen aus der Beratungs- und Kursarbeit von BIN zeigt dieser Beitrag, wie Menschen trotz Belastungen, Krisen und Unsicherheiten Wege finden, handlungs­fähig, verbunden und hoffnungsvoll zu bleiben.

Wovon wir sprechen, wenn von Resilienz die Rede ist

Das Wort Resilienz kommt aus der lateinischen Sprache. Es bedeutet „zurückfedern“. Am Anfang wurde das Wort „Resilienz” für die Untersuchung von Material verwendet: Ein Material ist resilient, wenn es nach Druck oder Verformung wieder in seine ursprüngliche Form zurückgeht. Später wurde der Begriff dann auch auf Menschen angewendet. Psychologen sagen, Resilienz ist eine Art seelische Stärke. Menschen sind resilient, wenn sie mit Krisen, Belastungen oder Rückschlägen fertig werden und danach wieder aufstehen.
Menschen bewältigen Belastungen besser, wenn drei Dinge zusammenkommen: innere Fähigkeiten, soziale Unterstützung und faire äußere Bedingungen. Resilienz ist nicht einfach eine persönliche Eigenschaft wie stark sein. Resilienz ist ein Weg zu persönlicher Stärke.

Aber wie findet man nach schlimmen Erfahrungen mit Gewalt und Krieg wieder zu sich? Was wird aus uns nach dem Verlust von Beziehungen oder vom Arbeitsplatz? Wie werden wir mit sozialer Ausgrenzung oder Einsamkeit fertig? Gewalterfahrungen hinterlassen Spuren im Körper, Krieg traumatisiert, ein Verlust tut noch lange weh. Mit all dem fertig zu werden und wieder aufzustehen, ist eine große Herausforderung.

Bei BIN erleben Beraterinnen oft: Resilienz zeigt sich in kleinen und sehr kleinen Schritten. Es geht nicht um Heldinnenmomente, sondern um leise, alltägliche Taten: Wenn Frauen abwägen, organisieren, für sich sorgen, Grenzen ziehen oder wieder von vorne anfangen – auch unter Bedingungen von Flucht, Armut, unsicherem Aufenthaltsstatus, Care-Arbeit oder sozialer Ausgrenzung. Resilienz bedeutet nicht, dass Menschen unverwundbar sind. Es bedeutet: Sie finden trotz Belastungen einen Weg, handlungsfähig, verbunden und hoffnungsvoll zu bleiben — und ihr Umfeld hilft ihnen dabei.

Vier Beispiele von Resilienz aus der Praxis unserer Beraterinnen, die ihnen in der Arbeit mit Menschen in herausfordernden Lebenslagen begegnet sind

Olga* – Auch mal sagen: »Ich bin kann nicht mehr«

„Olga kam vor einem Jahr in die Beratung. Sie wollte sich intensiv auf den Wiedereinstieg in den Beruf vorbereiten. Ich hatte den Eindruck: Die Zusammenstellung der notwendigen Unterlagen für die Bewerbungsmappe war für sie sehr anstrengend. Olga war alleinerziehende Mutter und mit ihren Gedanken oft zuhause. Trotzdem kam sie zuverlässig zu jedem Termin. An einem Tag kam sie nicht: Als sie ihre Bewerbungsmappe fertigstellen sollte. Ich fand eine kurze Nachricht von Olga auf meinem Anrufbeantworter: „Ich habe heute keine Kraft, kann ich morgen kommen?“ Nicht immer sagen Kurteilnehmerinnen ab. Manche bleiben weg, weil sie es nicht schaffen, den übervollen Alltag zu organisieren. Olga ist für mich ein gutes Beispiel für Resilienz: Es geht nicht darum, immer zu funktionieren. Es geht auch darum, das eigene erschöpft sein zu benennen.“

Amina* – Trotz aller Probleme, in der Familie zusammenhalten

“Im Sprachkurs fällt immer wieder der starke Zusammenhalt in den Familien auf. Viele Frauen müssen mit wenig Geld auskommen; auf Grund von Flucht, Trennung oder anderen Schicksalsschlägen, die sie aus ihren beruflichen Zusammenhängen geworfen haben. Trotzdem halten sie an Ritualen fest. Damit stabilisieren sie zum Beispiel den Alltag ihrer Kinder. Ich erinnere die Sache mit dem Geburtstagkuchen… Amina erzählte vom Geburtstag ihres kleinen Sohnes. Sie war traurig. Sie wusste nicht, wie sie die Torte bezahlen konnte. Ihre Geschichte blieb nicht ohne Folgen. Alle wollten Amina helfen. Sie sollte mit ihrem Sohn Geburtstag feiern! Alle trugen etwas bei: ein einfaches Rezept ohne teure Zutaten, selbst gemachte Luftschlangen, Ideen für Spiele. Für mich war das ein resilienter Moment: Amina teilte ihre Not und sie bekam die Unterstützung, die sie brauchte, um nicht aufzugeben.“

Maria* – Selbstfürsorge mit einem klaren „Nein“ beginnen

„Maria kam in den Empowerment-Kurs. Ihr Problem: Sie versuchte ständig, es allen recht zu machen. Bei der Arbeit übernahm sie zusätzlich unbezahlte Aufgaben, weil sie dachte: Sonst mag mich niemand. Zuhause trug sie die die ganze Verantwortung – für die Kinder, den Haushalt, und seit kurzem auch für ihre Mutter. Sie war erschöpft und wütend, aber sie traute sich nicht, Grenzen zu ziehen. Im Kurs wurde unter anderem über Belastungsgrenzen gesprochen und wir entwickelten Strategien, wie man Nein sagt, ohne sich schuldig zu fühlen. Maria und die anderen Frauen übten die Formulierungen und spielten sie in Gesprächssituationen immer wieder durch. Eines Tages kam Maria in den Kurs und erzählte: Ein Kollege bei der Arbeit hatte sie wieder gebeten, eine zusätzliche Schicht zu übernehmen. Sie hatte sich an unsere Übungen im Kurs erinnert: Grenzen ziehen ist kein Egoismus, sondern Selbstfürsorge. „Ich habe einfach gesagt: ‚Das kann ich nicht zusätzlich übernehmen. Ich habe zurzeit andere Prioritäten und meine Kapazitäten sind ausgeschöpft.‘“ Auch das ist ein Zeichen für Resilienz: bewusst Nein sagen.”

Giorgos* – viele kleine Schritte…

„Als Giorgos in die berufliche Beratung zu BIN kam, war er clean. Zwei Jahre, so beschrieb er es, sei er in einem Tunnel unterwegs gewesen – raus aus der Sucht. Was ihn hat durchhalten lassen? Im Grunde ein Bild. Er stellte sich vor: “Wenn ich meine beiden Kinder das nächste Mal treffe, bin ich clean.” Das fühlte sich gut an und gab ihm Kraft. Vor sich sah er eine Reihe kleiner Schritte – ohne zu wissen, wie weit der Weg ist. Aber er war sich sicher: Irgendwo außerhalb des Tunnels ist Licht. Da wollte er hin. Dass er sich Hilfe gesucht hat, um mit der Herausforderung einer Entgiftung und eines Neuanfangs nicht allein zu sein, war ein wichtiger Schritt, um an Resilienz zu gewinnen. Manche Schritte überraschten selbst ihn. Der Yoga-Kurs zum Beispiel, den er bis vor kurzem besuchte. Jetzt ist Giorgos wieder auf der Suche. Seit er einen Job gefunden hat, kann er nur noch abends zum Yoga. Er braucht einen neuen Kurs.”

(* die Namen wurden geändert)

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